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Mrz 11

Blind für zwei Stunden.

Sehen ist für viele Menschen selbstverständlich, doch dies gilt bei Weitem nicht für alle. Wohl keiner der fünf Sinne ist in unseren Breitengraden so wichtig wie der Sehsinn. Was dafür auf Kosten der anderen Sinne geht. Wer dies nicht glaubt, es lässt sich genussreich und eindrücklich testen. In den Restaurants der Blinden Kuh. Bereits der Gang zum reservierten Tisch ist ohne Hilfe des blinden Kellners gar nicht möglich. Ich sehe gar nichts mehr in dieser stockdunklen Atmosphäre und verlasse mich vollkommen auf die Schultern meines Gastgebers. Während sich das blinde Servierpersonal mit gegenseitigem Zurufen verständigt und Kollisionen verhindert, sitze ich am Tisch beinahe ohne Orientierung. Also fange ich an meine Umgebung zu ertasten und finde nach einer halben Minute auch mein Wasserglas.

Der geflügelte Ausspruch, das Auge isst mit, wird definitiv zur Makulatur. Ich komme mir beinahe vor wie ein kleines Kind, welches seine Umwelt zu erkunden beginnt. Das Amuse-bouche aus der Küche schmeckt irgendwie nach Frischkäse. Derweil füllen immer mehr Stimmen den stockdunklen Raum und erschweren eine mögliche Orientierung zusätzlich. Das Servicepersonal aber bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch das Restaurant. Während ich die Suppe zu meiner eigenen Überraschung noch ohne grossen Kollateralschaden auf meinen Kleidern auslöffeln kann, wird der Hauptgang definitiv zu meiner Bewährungsprobe. Wieder in sehendem Umfeld erfahre ich dann, dass es sich dabei um Zucchetti und Auberginen Piccata gehandelt hat, was mir beim Zerkleinern mit dem Messer doch einige Mühe bereitet hat. Noch schwieriger ist „nur“ noch mein Glas mit der Wasserflasche nachzufüllen.

In der Blinden Kuh schlägt ein sehender Schnellesser ganz automatisch ein langsameres und gesünderes Esstempo an. Tief beeindruckt von dieser Erfahrung und vor allem vom Servicepersonal verlasse ich die Blinde Kuh wieder sehend und mit der praktischen Erfahrung, dass Weitsicht nicht alleine von den sehenden Augen abhängt.

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